Gruppen eröffnen Paaren eine besondere Chance: Sie ermöglichen Resonanz, neue Perspektiven und einen geschützten Raum für Veränderung. Im Video erklärt Dr. Rudolf Sanders gemeinsam mit PD Dr. Katharina Klees, warum Gruppenprozesse in der Paartherapie oft der Schlüssel zu nachhaltiger Heilung sind.
Gruppen als Erweiterung der klassischen Paartherapie
Während Einzel‑ und Paartherapie wichtige Bausteine sind, eröffnet die Arbeit in Gruppen zusätzliche Ebenen des Verstehens. Paare erleben dort nicht nur sich selbst, sondern auch Spiegelungen anderer Menschen, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Dieses gemeinschaftliche Erleben schafft Verbundenheit und mildert das Gefühl, mit den eigenen Problemen allein zu sein.
Dr. Rudolf Sanders beschreibt diesen Prozess als eine kontinuierliche Inszenierung persönlicher Muster innerhalb der Gruppe: „Die Menschen inszenieren sowieso ihr Trauma permanent an jeder Stelle, überall.“
Im Gruppenkontext werden diese Muster sichtbarer – und gleichzeitig gehalten. So entsteht ein Rahmen, der es Paaren ermöglicht, sich selbst und einander neu zu begegnen.
Sicherheit und Struktur als Grundlage für Heilung
Eine gut angeleitete Gruppe bietet Schutz, Orientierung und klare Grenzen. Das ist besonders wichtig, wenn Paare traumatische Beziehungserfahrungen mitbringen. Die Teilnehmer erleben, dass ihre Geschichten Gehör finden und respektvoll begleitet werden.
PD Dr. Katharina Klees beschreibt die Wirkung dieses Raums eindrücklich: „Eine Gruppe ist ein Ort, wo das Trauma nicht nur inszeniert wird, sondern auch gut aufgehoben ist.“
Diese Sicherheit ermöglicht es, Emotionen zuzulassen und alte Verletzungen so zu bearbeiten, dass sie nicht überwältigen. Gruppen funktionieren damit wie ein stabiler Resonanzraum, der Menschen dabei hilft, neue innere Erfahrungen zu verankern
Geteilte Resonanz als heilsames Moment
Die Rückmeldungen anderer Gruppenmitglieder haben oft eine besondere Wirkung: Sie bestätigen Gefühle, spiegeln Verhaltensweisen und geben Impulse für neue Sichtweisen. Paare merken, dass andere ähnliche Muster oder Konflikte kennen – das verbindet und entlastet.
In diesen Momenten entsteht eine kollektive Kraft, die Heilungsprozesse unterstützt. Wenn eine Person ihre Geschichte teilt, bewegt dies die gesamte Gruppe. Dieses gemeinsame Mitfühlen schafft ein tragfähiges Netz, das weit über das hinausgeht, was in einer dyadischen Sitzung möglich wäre.
Gerade bei traumatischen Belastungen kann diese Art sozialer Unterstützung entscheidend sein, denn sie wirkt korrigierend auf alte Erfahrungen von Alleinsein oder Nicht‑Gesehen‑Werden.
Die Bedeutung qualifizierter Gruppenleitung
Damit Gruppen heilsam wirken, braucht es eine Leitung, die sowohl Paar‑ als auch Traumaerfahrungen professionell begleiten kann. Fehlende Kompetenz kann dagegen retraumatisierend wirken – ein Risiko, das im Gespräch ausdrücklich betont wird.
Sensible Gruppenleitung sorgt für emotionale Sicherheit, verhindert Überforderung und hält den Raum, wenn starke Gefühle auftauchen. Gleichzeitig ermöglicht sie, dass Prozesse strukturiert verlaufen und alle Beteiligten in ihrer eigenen Geschwindigkeit arbeiten können.
Eine professionell geführte Gruppe schafft damit ein Gleichgewicht aus emotionalem Ausdruck, Resonanz und Stabilität – und öffnet Paaren den Weg zu tiefer, gemeinsamer Entwicklung.
Buchrezension
Katharina Klees (2023). Grenzpaare in der Traumasensiblen Paartherapie – Krisen meistern mit dem Integritätskompass. Paderborn: Junfermann
Das Paar im Blick! Darauf weist uns Katharina Klees mit dieser Veröffentlichung hin und zeigt auf, wie das gehen kann. Denn so schwer und herausfordernd es auch der Paartherapeutin oder dem Paartherapeuten erscheinen mag: Jedes Paar, das Hilfe sucht, hat ein Anrecht darauf, gesehen zu werden. Mit seiner Not, mit der Geschichte des Einzelnen, die im Miteinander zu einer Geisterbahn kumuliert.
Über die Besprechung ihres Buchs Traumasensible Paartherapie (2018) habe ich Katharina Klees kennengelernt. Sie hatte sich bedankt, etwas, das bei meinen Rezensionen für Beratung Aktuell – Fachzeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung selten vorkommt, und so kamen wir in einen guten fachlichen Austausch. Mittlerweile sind wir, wenn es darum geht, einen Beitrag für eine Qualitätsoffensive der Paarberatung in Deutschland zu leisten, Gefährten.
Mit diesem Buch zu Grenzpaaren ist ihr wieder ein großer Wurf gelungen. 2019 veröffentlichte Christian Roesler eine Evaluation der Paarberatung in katholischer Trägerschaft in Deutschland, was mit 554 Paaren hierzulande die bislang größte prospektive Untersuchung zur Paartherapie war. Roesler konnte feststellen: Paarberatung in katholischer Trägerschaft in Deutschland ist insgesamt so effektiv wie die Paartherapie unter realen Praxisbedingungen im internationalen Vergleich. Das hört sich gut an, gleichzeitig musste er jedoch konstatieren, dass nur 40 % der Paare in einem klinisch bedeutsamen Sinne von der Intervention profitierten. Insbesondere bei Paaren mit anfänglich hoher Belastung zeigte sich keine Verbesserung, sie brachen oftmals vorzeitig ab und trennten sich in der Folge. Wie man genau mit jenen 60 % der Paare arbeitet, dafür zeigt Katharina Klees einen zielorientierten und wissenschaftlich fundierten Weg in dieser Veröffentlichung auf.
Paare mit hoher Belastung berichten von häufigen negativen Emotionen und emotionaler Labilität. Sie haben Probleme damit, ihre Emotionen zu regulieren, was sich in der Impulsivität ihres Verhaltens ausdrückt. Sie können sich schwer in den Partner / die Partnerin einfühlen und erleben sich emotional distanziert. Manche leiden darunter, dass der andere perfektionistisch und rigide ist oder zu exzentrischen und ungewöhnlichen Überzeugungen neigt. Manche zeigen aus Verzweiflung manchmal ein selbstschädigendes Verhalten. Und vor allem wird deutlich, dass beide Partner*innen über ein geringes Selbstwertgefühl verfügen und häufig den anderen für das eigene Gefühlschaos, für destruktive und gewalttätige Verhaltensweisen und Aussprüche verantwortlich machen. Was all diese Verhaltensweisen kennzeichnet, sind Grenzverletzungen – Verletzungen der eigenen Würde oder der des Partners / der Partnerin, nicht selten gespeist von Verachtung.
Meistens sind derart verletzte Menschen auch ich-synton, was sich in der Hoffnung zeigt: Könnte der / die Berater*in den Anderen nur ändern, würde sich alles zum Guten wenden. Auch in paartherapeutischen Ansätzen herrscht nicht selten die Idee vor, dass es wichtig sei, zunächst einmal mit den Einzelnen zu arbeiten, also an deren Störung, um überhaupt mit beiden arbeiten zu können. Genau das tut Katharina Klees nicht, sie arbeitet mit beiden Partner*innen zusammen. Nur so können Störungen der Interaktion und Kommunikation geklärt und durch die Bahnung neuer Erlebens- und Verhaltensmuster bewältigt werden, wo sie sich aktualisieren (Grawe 1998). Eine Einzeltherapie hilft bei Grenzverletzungshintergründen eher nicht, im Gegenteil: Die Polarisierung würde damit zementiert.
Meine eigenen Erfahrungen decken sich mit denen von Katharina Klees, denn Grenzpaare finden zueinander, um gemeinsam zu heil zu werden, und nicht, um sich absichtlich zu quälen. Katharina Klees zeigt sehr schlüssig auf, wie qualifizierte Fachpersonen grenzverletzte und grenzverletzende Paare auf den in diesem Buch vorgestellten fünf Stationen des Behandlungsplans so begleiten können, dass sie beieinanderbleiben und eine integre Paarbeziehung entwickeln. Wesentlich für die erfolgreiche Umsetzung dieses Ziels ist ein klar umrissenes Verständnis von Integrität und gesunder Beziehungsfähigkeit. Hiervon haben grenzverletzte Menschen keine Vorstellung. Ihnen wurde von klein auf vermittelt, dass Ausbeutung, Ausgrenzung, Eingrenzung, Hohn, Ignoranz und Verachtung normale Reaktionen auf ihre „unmöglichen“ Bedürfnisse und Wünsche seien. So mündet dann der Weg von der aktuell reinszenierten „Geisterbahn“ über das Traum(a)-Schloss in die erklärte Absicht zur Integrität. Mit dieser Vorgehensweise wird ein sich selbst verstärkender Entwicklungsprozess in Gang gesetzt.
Mir ist es ein großes Anliegen, dass Paare in der Paarberatung auch wirklich das bekommen, was sie dort suchen. Deshalb freue ich mich, dass mit der Grenzpaartherapie ein weiteres Modell vorliegt, das sich am Kontextmodell der Beratung (Wampold et al. 2018) orientiert. In der Grenzpaartherapie kommt den Therapeut*innen die zentrale Rolle zu, glaubhaft Hoffnung auf Verbesserung zu vermitteln, um damit die Selbstheilungskräfte zu aktivieren (Grawe 1998). Es liegt ein klar strukturierter Behandlungsplan vor, mit der Zielorientierung, eine integre Paarbeziehung aufzubauen. Durch strukturierte Fragen, den Einsatz von „Strichmännchen“ bei der Darstellung von Problemsituationen (Aktivierung des limbischen Systems) und die anschließende Deutung der Szene (Einbezug des präfrontalen Cortex) werden die Klient*innen selbst aktiv. Und selbstverständlich stehen die Therapeut*innen, ganz im Sinne des aktivierten Bindungsbedürfnisses, freundlich und wohlwollend als sichere Basis zur Verfügung.
Last, but not least, ist das Buch wirklich spannend zu lesen. Durch viele ausführliche Beispiele aus der paartherapeutischen Praxis werden die einzelnen Schritte sehr anschaulich. Man fühlt sich mittendrin und fiebert geradezu mit, wie es denn weitergeht. Paaren, die in ihrer Kindheit schwerste Verletzungen ihres Bindungsbedürfnisses erfahren haben, eröffnet sich mit diesem Ansatz eine adäquate Möglichkeit, einen Weg zu Glück und Zufriedenheit im Miteinander zu finden. Ich wünsche deshalb diesem Buch ein gutes Ankommen in der Kolleg*innenschafft.
Quellen
- Grawe K. (1998). Psychologische Therapie. Göttingen: Hogrefe.
- Roesler, C. (2019). Die Wirksamkeit von Paarberatung in Deutschland: Ein Überblick über die Wirkungsforschung und Ergebnisse einer aktuellen bundesweiten Studie. Beratung Aktuell, 20 (2), S. 4–25.
- Wampold, B. E., Imel, Z. E. & Flückiger, C. (2018). Die Psychotherapie-Debatte. Was Psychotherapie wirksam macht. Bern: Hogrefe.



