Einsamkeit kann selbst in engen Beziehungen entstehen. Im Interview sprechen Dr. Rudolf Sanders und PD Dr. Katharina Klees darüber, wie frühe Verletzungen und Bindungsmuster Paare prägen – und wie traumasensible Paartherapie neue Wege zu echter Nähe eröffnet.
Wo Einsamkeit ihren Ursprung hat
Viele Paare erleben Einsamkeit nicht erst in ihrer Partnerschaft, sondern tragen sie bereits seit ihrer frühen Kindheit in sich. Dr. Katharina Klees beschreibt, wie in traumatisierten Familien Gefühle oft nicht geteilt werden dürfen und Geheimhaltung zu einem Grundgefühl von Isolation führt. Kinder merken erst außerhalb des Elternhauses, dass ihre Erfahrungen nicht „normal“ sind – und lernen früh, sich innerlich zurückzuziehen.
Dr. Sanders fasst zusammen: „Man lernt in einer Herkunftsfamilie: So geht nahes Miteinander – und später stellt man fest, dass Resonanz gar nicht gelingt.“
„So lernen Kinder sehr früh Einsamkeit – und sie tragen dieses Muster später in ihre Beziehungen.“, ergänzt Katharina Klees.
Dieser Hintergrund hilft zu verstehen, warum Paare sich trotz echter Verbundenheit emotional nicht erreichen.
Wenn alte Verletzungen die Paarbeziehung prägen
Sobald die Verliebtheitsphase abklingt, melden sich häufig alte Bindungserfahrungen zurück. Viele Menschen spüren dann, dass sie nicht in Resonanz mit ihrem Partner kommen – ohne zu verstehen, warum. Laut Klees liegt das daran, dass traumatische Prägungen das Erleben von Nähe beeinflussen und Paare oft keinen Ort finden, an dem diese Themen wirklich verstanden werden. Sie sagt: „Die Paare haben Odysseen hinter sich, bevor sie in einer traumasensiblen Paartherapie landen.“
Sanders bestätigt aus eigener Erfahrung: „Ich habe diese Einsamkeit auch im Kollegenkreis gespürt – es ist schwierig, deutlich zu machen, wo die Ursachen wirklich liegen.“
Missverständnisse über Konflikte und Bedürfnisse
Viele klassische Ratschläge – Streitkultur, radikale Ehrlichkeit oder das „Rauslassen aller Gefühle“ – verschlimmern Situationen bei traumatisierten Paaren. Klees erklärt, dass Stressverarbeitungsstörungen dazu führen, dass Betroffene sehr schnell ins „Reptiliengehirn“ rutschen: Angriff, Flucht oder Erstarrung. Sie betont: „Wenn du traumatisiert bist und glaubst, du müsstest streiten, ist das eine Katastrophe.“
Der Ansatz: Bedürfnisse zuerst selbst regulieren lernen, statt den Partner verantwortlich zu machen. So entsteht Raum für echte Begegnung – jenseits impulsiver Muster.
Wie traumasensible Paartherapie Nähe wieder ermöglicht
Der Schlüssel liegt in einem achtsamen Zugang zu den tieferen Ebenen des Erlebens. Statt komplizierter Worte arbeitet Katharina Klees gern mit einfachen Bildern oder Strichmännchen – denn sie erreichen das limbische System direkt. Schritt für Schritt lernen Paare, ihre Emotionen zu regulieren und ihre Themen sicher zu klären.
Rudolf Sanders beschreibt die Wirkung so: „Wenn Paare das im ersten Gespräch merken, passiert ein Stimmungsumschwung – sie fühlen sich geborgen und aufgehoben.“
Klees resümiert: „Wenn wir nicht verurteilen, sondern regulieren lernen, können wir Paaren helfen, wirklich gut ihre Beziehung zu gestalten.“
Buchrezension
Katharina Klees (2018). Traumasensible Paartherapie. Mit dem Trauma Hauskonzept aus der Beziehungskrise. Paderborn: Junfermann
Mit dieser Veröffentlichung wird wissenschaftlich untermauert, warum in der institutionellen Beratung ca. 70% der Paarberatung nach maximal fünf Kontakte beendet werden (Klann 2013). Der Schlüssel für das Phänomen einer solch kurzen Verweildauer liegt darin, dass die Beziehungsstörungen aufgrund früh erfahrener Bindungstraumata von dem betroffenen Paaren selber nicht realisiert werden.
Und auch Berater*innen haben dies noch zu selten im Blick. Diese Erfahrung der Autorin kann ich mit meiner eigenen nur unterstreichen. Ich bin froh, wenn ich in einer Paartherapie Gruppe von 12 Teilnehmern ein bis zwei vielleicht dabeihabe, die in ihrer Kindheit keine Erfahrungen von emotionaler, psychischer oder sexueller Gewalt machen mussten. Später als Erwachsene in einer Paarbeziehung ist das dem spezifischen Bildungsverhalten zugrundeliegende Trauma höchst selten bewusst – und wenn doch, wird es nicht in Verbindung mit den Beziehungskrisen gebracht. Gerade Krisenpaare neigen dazu, die eigenen Eltern zu schonen, wie schrecklich sie in der Kindheit auch gewesen sein mögen. Eher wird der Partner oder die Partnerin mit all der Wut und Verzweiflung konfrontiert, die sich im Inneren angestaut hat.
Trotz oder sogar wegen ihrer entsetzlichen Kindheit stehen Menschen, die eine Paartherapie aufsuchen, im Beruf, ziehen ihre Kinder verantwortungsvoll groß und engagieren sich sozial. Zumindest auf den ersten Blick hätte niemand den Eindruck, hinter einem Paar mit Sexualstörung, Krisen, einem „Friedhofsfrieden“ oder Trennungsabsichten könnte eine traumatisierte Kindheit stehen. Weil sie den Zusammenhang zwischen Kindheitstrauma und Paarproblemen nicht wahrnehmen, wünschen sich traumatisierte Paare mit oft großer Vehemenz eine funktionierende Partnerschaft. Aus: „Ich habe ein Problem“ wird: „Mein Partner oder meine Partnerin ist das Problem.“
Die oft so gepriesene Einübung kommunikativer Strategien stellt jedoch für sich allein keine Lösung dar. Denn vor dem Trainieren kommunikativer Kompetenz liegt das Verstehen der Grundlagen für die gestörte Kommunikation. Mittels Traumadiagnostik und von der Autorin entwickelten Methoden wie Emotionsscript und Trauma Haus zeigt sie – immer wieder mit Fallbeispielen unterlegt –, wie der Weg des Verstehens gemeinsam mit einem Paar erarbeitet werden kann.
Traumatische Erfahrungen zeigen sich ja gerade dadurch aus, dass diese häufig sprachlich überhaupt noch nicht in Worte gefasst werden können. So ist es nicht verwunderlich, wenn in einer Krise des Paares der Stresskreislauf angetriggert wird – was zur Folge hat, dass das Sprachzentrum im Neokortex ausgeschaltet wird. Dies kann, so weist die Autorin bezugnehmend auf Forschungsergebnisse hin, mit Hilfe von bildgebenden Verfahren nachgewiesen werden. So kann man sich auch nicht vornehmen, ruhiger zu reagieren: Solange das Gehirn Stresshormone ausschüttet, liegt dies außerhalb der bewussten Entscheidungsspielmöglichkeit. Vor einem Training von Ich- statt Du- Botschaften liegt also die Bearbeitung und Integrierung früh erfahrener Traumatisierungen. Für das Paar bedeutet dass, den Zusammenhang von traumatisierenden Kindheitserfahrungen, traumaspezifischem Bindungsstil und den aktuellen Paarkonflikten zu erkennen.
Dabei unterstützt die Autorin die Paare mit Hilfe des Traumahaus-Konzeptes. Damit ist eine Metapher für Traumabeziehungen gemeint, die hilft, den Weg zu finden über die im Keller sitzenden „Gefangenen, die aktualisierte Bedürftigkeit in der „Kinderzimmerehe“, die Heilung durch Befreiung der verletzten Herzen, über das Wachstum, wenn der „Besinnungsraum“ erreicht wird, bis hin zur fünften Ebene der Bewusstheit, wenn der „Liebesraum“ lockt.
Ganz besonders gut gefällt mir, wenn Klees zum Ende hin Standards für eine gute Paartherapie fordert. Nachgewiesenermaßen hängt vom Gelingen einer Paarbeziehung und Familie für die Betroffenen selbst und für deren Kinder Entscheidendes ab: „Eine feste, stabile und glückliche Partnerschaft erweist sich als einer der besten Prädikatoren für Lebenszufriedenheit, Glück, Wohlbefinden und Gesundheit. Umgekehrt ist eine unglückliche Paarbeziehung ein relevanter Risikofaktor für psychische Störungen (Depressionen, Angststörungen, Substanzmissbrauch)“ (Bodenmann 2016, S. 23).
„Die Scheidung gehörten neben chronischen destruktiven Partnerschaftskonflikten zu einem der bedeutendsten Risikofaktoren für die Entwicklung psychischer Störungen beim Kind und Jugendlichen und stellt eine lebenslange Vulnerabilisierung dar“ (Bodenmann 2016, S. 167).
In einer Google-Recherche hat die Autorin die ersten 100 Google Treffer von Praxen, die Paartherapie anbieten genauer betrachtet. 58 dieser Praxen wurden von Personen ohne Fach-studium durchgeführt, bei 91 konnte nicht erkannt werden, nach welchem Ansatz gearbeitet wird, bei 76 Praxen gab es keinerlei Angaben zu der Qualifizierung für die Begleitung von Paaren, ein konkretes Konzept gab es lediglich bei fünf der von ihr recherchierten Praxen.
Ein Buch, dem ich viel Verbreitung wünsche im Sinne der ratsuchenden Paare. Für viele Kolleginnen und Kollegen wird es mit Sicherheit ein „Hallo wach“ sein, und der Blick auf ihre Paare wird sich weiten.
Dr. Rudolf Sanders
Quellen
- Bodenmann G. (2016). Lehrbuch Klinische Paar- und Familienpsychologie. Göttingen: Hogrefe
- Klann, N. (2013): Thema verfehlt? Grundsatzreferate zu 50 Jahre Bundesverband. Beratung Aktuell 14, Nr.3, 29-41.



