Verletzungen gehören zu jeder längerfristigen Paarbeziehung. Manche verblassen mit der Zeit, andere wirken noch Jahre später nach. Gerade in der therapeutischen Praxis zeigt sich immer wieder: Nicht die Verletzung selbst ist das größte Problem, sondern das, was geschieht, wenn sie unbearbeitet bleibt. Aus anfänglicher Enttäuschung entstehen Distanz, Misstrauen, Groll oder Verbitterung. Die Beziehung verliert nach und nach ihre emotionale Verbundenheit.
Für Paartherapeut:innen stellt sich daher eine zentrale Frage: Wie können Paare nach tiefen Kränkungen wieder Vertrauen fassen? Und was braucht es, damit Verzeihen und Versöhnung tatsächlich möglich werden?
Verletzungen bleiben selten folglos
Nach Auffassung von Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin Friederike von Tiedemann sammeln sich im Verlauf einer Partnerschaft kleinere und größere Verletzungen an. Viele davon werden nie ausreichend besprochen oder bearbeitet. Die Folgen zeigen sich oft schleichend: Partner distanzieren sich innerlich voneinander, negative Gefühle gewinnen Raum und die Beziehung verliert ihre tragfähige Basis.
Verletzungen können sehr unterschiedlich aussehen. Sie reichen von alltäglichen Kränkungen über fehlende Unterstützung in belastenden Lebensphasen bis hin zu schwerwiegenden Vertrauensbrüchen wie Untreue oder langanhaltender Unaufrichtigkeit. Entscheidend ist dabei nicht allein das Ereignis selbst, sondern die subjektive Bedeutung, die es für die betroffene Person hat.
Vergeben ist nicht dasselbe wie Versöhnen
In Beratung und Therapie werden die Begriffe oft gemeinsam verwendet. In ihrem Buch „Versöhnungsprozesse in der Paartherapie“ macht Friederike von Tiedemann jedoch eine wichtige Unterscheidung:
Vergebung
… beziehungsweise Verzeihen beschreibt einen Prozess, in dem negative Gefühle wie Wut, Groll oder Racheimpulse allmählich abnehmen und Verständnis wachsen kann.
Versöhnung
… geht einen Schritt weiter. Sie beinhaltet die Wiederaufnahme einer positiven Beziehung zwischen zwei Menschen und setzt voraus, dass beide den Wunsch haben, sich wieder anzunähern und Vertrauen neu aufzubauen. Versöhnung ist ein gemeinsamer, dialogischer Prozess.
Gerade für die Paartherapie ist diese Unterscheidung bedeutsam. Nicht jede Vergebung führt automatisch zur Versöhnung. Umgekehrt ist Versöhnung ohne vorhergehendes Verzeihen kaum möglich.
Warum Verzeihen so schwer sein kann
Wer verletzt wurde, möchte meist nicht einfach vergessen. Das wäre auch gar nicht das Ziel. Im Buch betont die Paarberaterin ausdrücklich, dass Verzeihen weder Verharmlosung noch Zustimmung bedeutet. Verletzungen sollen als solche benannt und ernst genommen werden. Verzeihen heißt nicht, so zu tun, als sei nichts geschehen. Vielmehr geht es darum, den belastenden Einfluss einer Verletzung auf das gegenwärtige Leben und die Beziehung zu reduzieren.
Besonders erschwerend wirken:
- Angst vor erneuten Verletzungen,
- fehlende Reue des verletzenden Partners,
- anhaltendes Misstrauen,
- ungelöste Verletzungen aus früheren Beziehungen oder der Herkunftsfamilie, und
- das Bedürfnis nach Vergeltung oder Gerechtigkeit.
Was Versöhnung ermöglicht
Die Forschung und die im Buch „Versöhnungsprozesse in der Paartherapie“ beschriebenen therapeutischen Erfahrungen zeigen mehrere Faktoren, die Vergebungs- und Versöhnungsprozesse fördern können. Besonders bedeutsam sind:
Reue und Vertantwortungsübernahme
Wenn die verletzende Person ihre Verantwortung anerkennt, Reue zeigt und die Auswirkungen ihres Handelns ernst nimmt, steigt die Bereitschaft des Gegenübers zur Vergebung deutlich an.
Empathie
Versöhnung wird leichter, wenn beide Partner die Perspektive des anderen verstehen können. Das bedeutet nicht, verletzendes Verhalten zu entschuldigen. Es bedeutet, den Menschen hinter der Verletzung wieder sehen zu können
Offene Kommunikation
Verletzungen brauchen Sprache. Erst wenn beide Sichtweisen gehört und verstanden werden, entsteht die Möglichkeit eines neuen Miteinanders.
Zeit
Versöhnung lässt sich nicht erzwingen. Gerade tiefgreifende Kränkungen benötigen oft einen längeren Prozess. Das Überspringen wichtiger Schritte gefährdet die Vergebung eher, als dass es sie beschleunigt.
Von Verletzungen zu neuer Verbundenheit
Aus Sicht von Friederike von Tiedemann ist Versöhnungsarbeit eine Kernaufgabe moderner Paartherapie. Denn ungelöste Verletzungen wirken oft jahrelang nach und verhindern echte Nähe. Erst wenn Paare verstehen, wie Verletzungen entstanden sind, Verantwortung übernommen wird und alte Kränkungen ihren Platz in der gemeinsamen Geschichte finden, entsteht Raum für einen Neubeginn.
Versöhnung bedeutet dabei nicht die Rückkehr zu einem früheren Zustand. Vielmehr entsteht etwas Neues: eine Beziehung, die ihre Brüche kennt, sie aber nicht länger zum Mittelpunkt macht.
Versöhnung als therapeutische Kompetenz
Verletzungen gehören zum Leben von Paaren. Die Fähigkeit, mit ihnen umzugehen, entscheidet oft darüber, ob Beziehungen an Krisen zerbrechen oder daran wachsen.
Wer in der therapeutischen Arbeit Paare begleitet, steht deshalb immer wieder vor der Aufgabe, Räume zu schaffen, in denen Verletzungen ausgesprochen, verstanden und schließlich losgelassen werden können. Wie solche Prozesse professionell gestaltet werden können und welche konkreten Schritte sich in der Praxis bewährt haben, zeigt Friederike von Tiedemann im Webinar zu Versöhnungsprozessen in (Paar-)Beziehungen.
Dort geht es um die zentrale Frage, wie aus Verletzung wieder Verbindung werden kann und was Paare brauchen, um nach Kränkungen, Vertrauensbrüchen und Enttäuschungen einen neuen gemeinsamen Weg zu finden.
Versöhnen, Vergeben, Verzeihen in (Paar-) Beziehungen
Empfehlung
Dieser Blogbeitrag basiert auf dem Buch „Versöhnungsprozesse in der Paartherapie“ von Friederike von Tiedemann (Junfermann Verlag, 2024)
„Das Buch ist eine Fundgrube von wichtigen theoretischen Impulsen und praktischen Ideen zur Versöhnungsarbeit, illustriert durch konkrete Fall- und Videobeispiele. Die Relevanz des Themas, dessen Innovationsgehalt und die solide inhaltliche, konzeptionelle und praxisrelevante Qualität des Buches machen es zur Pflichtlektüre für alle Paarberater und Paartherapeuten, unabhängig ihrer Schulenorientierung.“
Prof. Dr. Guy Bodenmann
Foto: Roman Kraft, Unsplash. | Beitrag: Erstellt mit Unterstützung von KI und redaktionell geprüft.
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