Achtsamkeitsbasierte Interventionen haben sich in den letzten Jahren als ein vielversprechender Ansatz erwiesen, um Kinder und Jugendliche mit ADHS beim Umgang mit intensiven Emotionen zu unterstützen. Sie eröffnen einen Zugang zur Selbstwahrnehmung, zur Affektregulation und zur Deautomatisierung impulsiver Reaktionsmuster – ohne Leistungsdruck und jenseits rein kognitiver Steuerungsversuche.
Ein Beitrag basierend auf Ausführungen zu Achtsamkeitsübungen und ADHS im Buch „Achtsamkeitsübungen mit Kindern und Jugendlichen in der Psychotherapie“ von Ursula Geisler und Jutta Muttenhammer (Junfermann, 2016).
ADHS: mehr als Aufmerksamkeitsprobleme
ADHS gilt als multifaktoriell bedingte Störung, die neben Aufmerksamkeits- und Exekutivfunktionsdefiziten insbesondere durch Schwierigkeiten in der Selbststeuerung und Emotionsregulation geprägt ist. Kinder und Jugendliche reagieren häufig rasch, intensiv und schwer kontrollierbar auf innere und äußere Reize. Ärger, Wut und Überforderung eskalieren oftmals schneller, als sie sprachlich oder reflektierend verarbeitet werden können.
Aus entwicklungspsychologischer Perspektive verstärken sich diese Schwierigkeiten insbesondere in Übergangsphasen: im Schulalter, in der Pubertät und im Jugendalter. Die neurobiologischen Bedingungen – etwa die verzögerte Reifung präfrontaler Kontrollmechanismen – treffen hier auf steigende soziale, schulische und emotionale Anforderungen. In dieser Konstellation sind rein instruktive oder appellative Strategien zur Emotionskontrolle häufig unzureichend.
Achtsamkeit als Grundlage der Affektregulation
Achtsamkeit wird im psychotherapeutischen Kontext als eine bewusste, nicht wertende Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment verstanden. Sie umfasst die Wahrnehmung von Körperempfindungen, Emotionen, Gedanken und Impulsen, ohne unmittelbar in automatische Reaktionen überzugehen.
Gerade für Kinder und Jugendliche mit ADHS liegt hierin ein zentrales Potenzial: Achtsamkeitsübungen fördern das Innehalten zwischen Reiz und Reaktion. Sie ermöglichen es, Ärger nicht sofort auszuleben, sondern zunächst wahrzunehmen – körperlich, emotional und gedanklich. Auf dieser Ebene wird Emotionsregulation überhaupt erst zugänglich.
Neurophysiologische Befunde zeigen, dass achtsamkeitsbasierte Praktiken auf Gehirnareale wirken, die für Emotionsregulation, Impulskontrolle und Stressverarbeitung relevant sind, unter anderem auf orbitofrontale Areale, den Hippocampus sowie die Insula. Gleichzeitig wird die sympathoadrenerge Erregung reduziert, was gerade bei wutassoziierten Aktivierungszuständen von hoher klinischer Relevanz ist (siehe Geisler/Muttenhammer 2016, Kapitel 2.2.1).
Altersgerechte Achtsamkeit: nicht stillsitzen, sondern spüren
Ein entscheidender Aspekt in der Arbeit mit ADHS-betroffenen Kindern und Jugendlichen ist die alters- und störungsspezifische Adaptation der Übungen. Achtsamkeit bedeutet hier nicht langes Stillsitzen oder formale Meditation, sondern beginnt häufig auf der Ebene von Bewegung, Sinneswahrnehmung und konkretem Erleben.
Bewährt haben sich kurze, klar strukturierte Interventionen, die den Bewegungsdrang berücksichtigen und die Aufmerksamkeit über den Körper binden. Die Dauer der Übungen orientiert sich an der individuellen Aufmerksamkeitsspanne – oft reichen wenige Minuten, um erste Erfahrungen von Selbstwahrnehmung und innerer Sammlung zu ermöglichen.
Eine achtsamkeitsbasierte Übung zur Wutregulation (aus der Praxis)
Ein zentrales Element der achtsamkeitsbasierten Arbeit mit ADHS ist das bewusste Wahrnehmen von Ärger, bevor er sich verbal oder motorisch entlädt. Eine einfache, gut integrierbare Übung besteht darin, die Aufmerksamkeit gezielt auf die körperlichen Begleiterscheinungen von Wut zu lenken:
- Wo im Körper ist Ärger spürbar?
- Ist er heiß oder kalt, eng oder weit?
- Bewegt er sich oder bleibt er konstant?
Ohne den Ärger verändern zu wollen, wird er beobachtet – als Körperempfindung, nicht als Handlung. Ergänzend kann der Atem als Anker genutzt werden, etwa durch eine verlängerte Ausatmung, die den Parasympathikus aktiviert. Ziel dieser Übung ist nicht die Unterdrückung von Wut, sondern die Erhöhung der affektiven Toleranz und die Erfahrung, dass Gefühle kommen, sich verändern und auch wieder abklingen können.
Gerade bei Jugendlichen eröffnet diese Form des Übens einen neuen Umgang mit intensiven Emotionen: Wut wird nicht mehr ausschließlich als problematisches Verhalten erlebt, sondern als regulierbarer innerer Zustand.
Achtsamkeit, DBT und ADHS: gemeinsame Wirkprinzipien
Viele achtsamkeitsbasierte Interventionen lassen sich gut mit verhaltenstherapeutischen und dialektisch-behavioralen Ansätzen verbinden. Insbesondere die aus der DBT bekannten Module zur Achtsamkeit, Stresstoleranz und Emotionsregulation sind anschlussfähig an die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen mit ADHS.
Zentral ist hierbei der Perspektivwechsel von der Kontrolle zur Wahrnehmung: Nicht das „Wegmachen“ von Emotionen steht im Vordergrund, sondern das Nicht-Identifizieren mit ihnen. Ärger wird erlebt, ohne den gesamten Handlungsraum zu dominieren. Genau hier liegt der Übergang von Impulsivität zu Selbststeuerung.
Rolle von Therapeut:innen und Bezugspersonen
Achtsamkeitsbasierte Arbeit mit Kindern und Jugendlichen beginnt nicht bei der Übung, sondern bei der Haltung der Therapeut:innen. Eine ruhige, präsente, nicht wertende Haltung wirkt regulierend – oft stärker als jede Instruktion. Kinder mit ADHS reagieren sensibel auf innere Spannungszustände ihres Gegenübers und spiegeln diese unmittelbar.
Ebenso zentral ist die Einbindung von Eltern und anderen Bezugspersonen. Emotionale Selbstregulation kann sich nur dann nachhaltig entwickeln, wenn die sozialen Kontexte dies unterstützen. Achtsamkeit wird so zu einer gemeinsamen Haltung – nicht zu einer isolierten Technik.
Fachliche Vertiefung: Wut und Emotionsdynamiken im ADHS‑Kontext differenziert verstehen
Genau hier setzt unser Live-Webinar „ADHS und Wut verstehen“ mit Anika Stitz an. Ziel ist es, Wut nicht vorschnell als dysfunktionales Verhalten zu betrachten, sondern sie differenziert im Kontext der ADHS‑Symptomatik einzuordnen. Dabei wird deutlich, dass emotionale Ausbrüche häufig Ausdruck eingeschränkter Selbststeuerungsprozesse sind – und weniger Ergebnis mangelnder Motivation oder fehlender Einsicht.
- Was steht hinter der Wut?
- Welche Funktionen erfüllt sie im jeweiligen Entwicklungs- und Beziehungskontext?
- Und an welchen Stellen lassen sich Regulation, Struktur und Selbstwirksamkeit gezielt fördern?
ADHS und Wut verstehen – Neurobiologische Grundlagen und Strategien für den professionellen Umgang
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Dieser Blogbeitrag orientiert sich inhaltlich am Buch „Achtsamkeitsübungen mit Kindern und Jugendlichen in der Psychotherapie“ von Ursula Geisler und Jutta Muttenhammer (Junfermann, 2016). Mit diesem Buch wurde erstmalig eine umfassende Handreichung vorgelegt, wie Achtsamkeitsübungen störungsspezifisch und altersgerecht in der Therapie angewendet werden können.
Foto: Kier in Sight Archives, Unsplash. | Beitrag: Erstellt mit Unterstützung von KI und redaktionell geprüft.
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