Wie gelingt es Menschen, trotz schwerer traumatischer Erfahrungen wieder Halt zu finden? Die Antwort liegt oft in einer erstaunlich einfachen, aber tief wirksamen Ressource: der inneren Vorstellungskraft. In ihrem Buch beschreibt Dr. Alice Romanus-Ludewig eindrucksvoll, wie Imaginationsübungen wie der „Tresor“ helfen können, belastende Erinnerungen zu ordnen und Selbstwirksamkeit zu stärken. Ein Auszug aus ihrem Werk zeigt, wie diese Übungen funktionieren – und warum sie in der Traumatherapie so bedeutsam sind.
Kraft aus einer selbst gestalteten inneren Welt
Imaginationsübungen werden häufig in psychotherapeutischen Behandlungen angewandt, sowohl in Kliniken als auch in Praxen. Die bekanntesten und am häufigsten eingesetzten Übungen sind „Innerer sicherer Ort / Wohlfühlort“ und „Tresor“. Interessant ist, dass sie nicht von Therapeuten oder Forschern „erfunden“ oder „entwickelt“ wurden, sondern seit jeher intuitiv von Menschen mit starken Belastungen praktiziert werden.
Frau Reddemann beschreibt sehr anschaulich (Imagination als heilsame Kraft, 2001), wie sie nach Übernahme der Klinikleitung eine Therapiegruppe für von Gewalt betroffene Frauen aufbaute und beobachtete, wie kreativ diese Frauen sich aus eigener Kraft schon eine innere Welt von positiven Bildern, inneren Helfern und Beschützern geschaffen hatten. Der starke Überlebenswille hatte sie dazu gebracht, diese uns Menschen innewohnende Fähigkeit zu nutzen, Kraft aus einer selbst gestalteten inneren Welt zu schöpfen. Die positiven inneren Bilder bilden ein Gegengewicht zu den Schreckensbildern und machen das Unaushaltbare aushaltbar.
Je schrecklicher das Erlebte und die dadurch entstandenen „Traumabilder“, umso überlebensnotwendiger das Erschaffen innerer „Gegenbilder“. Diese kreative Fähigkeit stellt einen enorm wichtigen Resilienzfaktor dar.
So wie eine körperliche Verletzung sofort Reparaturvorgänge in Gang setzt, werden auch nach einer psychischen Traumatisierung Selbstheilungskräfte aktiviert, die sich des menschlichen kreativen Potenzials bedienen.
Therapeuten haben dann die von den Traumabetroffenen selbst angewandten Übungen beobachtet, aufgeschrieben und weiterentwickelt. So entstand eine große Vielfalt an Imaginationsübungen. Sie sind eine wunderbare Möglichkeit, den Klienten von Anfang an zu vermitteln, dass sie in der Lage sind, sich selbst Trost, Schutz und Kraft zu geben.
Der Fokus der Therapie ist somit nicht nur das Schreckliche, das erlebt wurde, sondern auch die eigenen Kompetenzen und Ressourcen. Die modernen, eher lösungsorientierten Therapieschulen lehren uns schon länger, uns mindestens genauso intensiv mit Lösungen wie mit dem zugrunde liegenden Problem zu befassen. Die Antwort darauf, warum es so wichtig ist, sich auch mit den Lösungen, Fähigkeiten und Kompetenzen zu beschäftigen, liefert uns die Neurobiologie: Bilder strukturieren das Gehirn. Jede Erfahrung in der äußeren Welt, aber auch jede (selbst gestaltete) Erfahrung in der inneren Welt hinterlässt Spuren im Gehirn und prägt uns (Hüther, 2013). Aus diesem Grund ist es so entscheidend, sich selbst positive, stärkende Erfahrungen zu ermöglichen, um ein Gegengewicht zur traumabedingten negativen Verschiebung der Erfahrungswelt zu bilden.
Auch aus Sicht der Bindungsforschung steckt hier großes Potenzial, weil emotionale Bindung dadurch gestärkt wird, dass man einerseits die Erfahrung macht, selbst Probleme lösen zu können, andererseits aber jemand dabei ist, der empathisch unterstützt und begleitet. Besonders eindrücklich zeigt sich die Macht der positiven inneren Bilder in der Lebensgeschichte von Natascha Kampusch, die acht Jahre lang in einem kleinen Verlies von ihrem Entführer und Peiniger gefangen gehalten wurde: Intuitiv beschäftigte sie sich intensiv mit positiven inneren Bildern, sowohl mit einst erlebten Situationen mit ihrer Familie als auch mit imaginierten Szenen eines Wiedersehens nach einer möglichen Befreiung (Kampusch, 2012).
Tresorübung
Bei der Tresorübung handelt es sich um die wichtigste Distanzierungsübung. Darunter versteht man Imaginationsübungen, die dazu dienen, sich aufdrängende traumatische Erinnerungen aktiv in eine gesunde Distanz zur eigenen Person zu bringen. Das Eintrainieren dieser Übungen fördert die Fähigkeit, mehr Kontrolle über die anfangs unkontrolliert und überflutend auftauchenden Flashbacks und Intrusionen zu bekommen. Dadurch wird das Gefühl von Selbstwirksamkeit gestärkt, es kann ganz allmählich die Überzeugung wachsen, dass es möglich ist, mit den Traumaerinnerungen umzugehen, anstatt von ihnen „überfallen“ und bestimmt zu werden.
Dies ist natürlich ein sehr langsamer Prozess, die Tresorübung braucht sehr viel Wiederholung. Es können sich auch Phasen, in denen das „Wegschließen“ gut funktioniert, abwechseln mit Phasen von weniger erfolgreichem Üben. Dranbleiben, Mut machen und gemeinsames Üben helfen über solche Schwierigkeiten hinweg und stärken zudem die Bindung zwischen Klient und Therapeut.
Ganz konkret stellt man sich bei der Übung einen Tresor vor, in den man traumaassoziierte Bilder, innere Filme, Sinneseindrücke etc. deponiert, mit denen man sich aktuell (noch) nicht beschäftigen kann und möchte. Später kann das traumatische Material dann wieder herausgeholt werden, um es zu bearbeiten.
Imagination: Tresor
Wenn wir mit belastenden Erinnerungen, Bildern oder Vorstellungen kämpfen, kann es hilfreich sein, uns vorzustellen, dass wir dieses Belastende in ein Behältnis „packen“, in dem all das seinen Platz hat, womit wir uns momentan nicht beschäftigen wollen.
Stellen Sie sich als Erstes einen Weg vor, der an den Ort führt, wo sich Ihr ganz eigenes Behältnis befindet. Das können ein Waldweg, eine Straße oder auch eine Treppe sein; was auch immer Ihnen in den Sinn kommt, ist in Ordnung. Wenn Sie möchten, können unterstützende, hilfreiche Wesen mitkommen.
Jetzt können Sie sich vorstellen, wie Sie sich Ihrem Behältnis nähern. Dabei sind Sie völlig frei, wie Sie sich Ihr Behältnis vorstellen. Das kann ein Tresor, ein Safe, eine Kiste oder Ähnliches sein. Malen Sie es sich ganz in Ruhe aus: Welche Maße hat es? Aus welchem Material ist es beschaffen? Welche Farbe hat es? Wie dick sind seine Wände?
Sie können sich dann ein ausreichend großes, gutes Schloss vorstellen. Wichtig ist, dass Sie das Behältnis gut und sicher verschließen können. Das Schloss können nur Sie öffnen.
Stellen Sie sich jetzt vor, dass Sie das Schloss öffnen und in dem Behältnis ausreichend viele Fächer finden, in die Sie alles hineintun, was Sie aktuell belastet und was Sie dort deponieren wollen. Wenn Sie möchten, können Sie das belastende Material auch nach Themen sortieren oder die Fächer mit Stichworten beschriften. Machen Sie sich klar, dass es hier aufbewahrt wird und Sie es jederzeit – zu dem Zeitpunkt, den Sie wählen – auch wieder herausholen können.
Und wenn Sie alles gut verstaut haben, wählen Sie selbst den Zeitpunkt, an dem Sie das Behältnis wieder verschließen wollen. Machen Sie sich noch einmal klar, während Sie das Behältnis verschließen, dass das Schloss absolut sicher ist, und verschließen Sie es ganz ruhig und sorgfältig.
Wenn Sie das Behältnis verschlossen haben, können Sie einen Schritt zurücktreten und nachspüren, dass es sich womöglich schon etwas leichter anfühlt. Lassen Sie es dann hinter sich und machen Sie sich ganz allmählich, in Ihrem ganz eigenen Tempo wieder auf den Weg, den Sie gekommen sind. Spüren Sie, dass es sich leichter anfühlt, und mit jedem Schritt, den Sie diesen Weg zurückgehen, sich das Gefühl von Erleichterung noch verstärkt.
Und dann kommen Sie zu dem Zeitpunkt, den Sie selbst wählen, zurück hier in diesen Raum, spüren Sie noch einmal in Ihren Körper hinein, bevor Sie die Augen öffnen. Dann orientieren Sie sich wieder in diesem Raum. Zum Schluss spannen Sie noch einmal die Muskeln in Armen und Beinen an und entspannen anschließend wieder.
Ein Auszug aus dem Buch „Resilienz- und bindungsorientierte Traumatherapie (RebiT) – Ein Handbuch“ von Dr. Alice Romanus-Ludewig.
Trauma begreifen – Traumabetroffene verstehen –Traumabehandlungskompetenz erwerben
Verstehen, was Trauma wirklich bedeutet: Erfahren Sie, wie tiefgreifend eine Traumatisierung Körper und Seele beeinflusst – und warum ein ganzheitlicher Blick entscheidend ist.
Empathisch begleiten statt nur behandeln: Lernen Sie, wie Sie sich in Traumabetroffene einfühlen und ihnen helfen können, ihre Erfahrungen besser zu verstehen.
Therapeutisches Werkzeug für die Praxis: Entdecken Sie traumaspezifische Methoden, die über klassische Psychotherapie hinausgehen und echte Hilfe ermöglichen.
Erwähnte Quellen:
Hüther, G. (2013): Was wir sind und was wir sein könnten. Ein neurobiologischer Mutmacher. Frankfurt am Main: Fischer.
Kampusch, N. (2012): 3096 Tage. Berlin: Ullstein.
Reddemann, L. (2001): Imagination als heilsame Kraft. Stuttgart: Klett-Cotta.