Foto einer mit Tropfen bedeckten Glasscheibe vor einem unscharfen, verschiedenfarbig beleuchtenden Hintergrund.

Anhaltende Körperbeschwerden neu verstehen

Warum funktionelle Symptome eine zentrale Herausforderung moderner Medizin sind

Schmerzen, Schwindel, Erschöpfung, Luftnot, Herzstolpern oder Verdauungsbeschwerden gehören zu den häufigsten Gründen, warum Menschen medizinische Hilfe suchen. In einem beträchtlichen Teil dieser Fälle lassen sich jedoch auch bei sorgfältiger Diagnostik keine krankhaften organischen Veränderungen finden, die die Beschwerden ausreichend erklären. Für die Betroffenen ist das häufig ebenso verunsichernd wie für die Behandler:innen – und für die Medizin insgesamt stellt dieses Phänomen eine große, oft unterschätzte Herausforderung dar.

Anhaltend belastende Körperbeschwerden ohne eindeutige organische Ursache sind kein Randphänomen. Studien zeigen, dass mindestens ein Viertel bis ein Drittel aller Patient:innen, die sich mit anhaltenden körperlichen Symptomen an Hausärzt:innen oder Fachärzt:innen wenden, in diese Gruppe fällt. Dennoch passt ihr Leiden nur schlecht in die tradierten Kategorien der Medizin: Nicht klar körperlich krank, aber auch nicht einfach „psychisch“. Genau hier setzt die „neue Psychosomatik der Körperbeschwerden“ an, wie sie Peter Henningsen beschreibt.

Dieser Beitrag gibt einen Einblick in zentrale Gedanken dieses Ansatzes und gleichnamigen Buchs und zeigt, warum ein verändertes Verständnis funktioneller Körperbeschwerden für alle Gesundheitsberufe, die mit diesen Patient:innen arbeiten, von großer Bedeutung ist.

Wenn das klassische Krankheitsmodell an seine Grenzen stößt

Das Selbstverständnis der modernen Medizin ist historisch stark geprägt vom Modell der „Krankheit classic“: Körperliche Beschwerden werden als Ausdruck spezifischer, objektiv nachweisbarer Störungen von Organen oder Körperprozessen verstanden – etwa Entzündungen, Tumoren oder Stoffwechselerkrankungen. Finden sich solche Veränderungen, folgen daraus etablierte diagnostische und therapeutische Schritte.

Für viele Patient:innen mit anhaltenden Schmerzen, Schwindel oder Erschöpfung greift dieses Modell jedoch nicht. Trotz wiederholter Laboruntersuchungen, Bildgebung und fachärztlicher Abklärungen bleibt der organische Befund entweder unauffällig oder erklärt das Ausmaß der Beschwerden nicht. In dieser Situation geraten sowohl Betroffene als auch Behandler:innen häufig in eine Sackgasse: Die Beschwerden sind real und belastend, die medizinischen Erklärungen bleiben jedoch unbefriedigend.

Die Folge sind oft jahrelange diagnostische Odysseen, häufige Arztwechsel und wiederholte Untersuchungen – nicht selten begleitet von wachsender Frustration, Unsicherheit und Enttäuschung auf beiden Seiten. Für die Betroffenen kommt ein zweiter Leidensweg hinzu: das Leiden an der Unklarheit der Ursache, an mangelnder Anerkennung des eigenen Leidens und am Gefühl, nicht ernst genommen zu werden.

Funktionelle Körperbeschwerden: häufig, belastend, unterschätzt

Der Begriff der funktionellen Körperbeschwerden bezeichnet genau diese Konstellation: anhaltende, klinisch relevante Symptome, für die sich trotz sorgfältiger medizinischer Abklärung keine ausreichende strukturelle Erkrankung nachweisen lässt. „Funktionell“ bedeutet dabei ausdrücklich nicht „nicht organisch“. Vielmehr liegt die organische Grundlage dieser Beschwerden in veränderten Funktions- und Regelprozessen des Nervensystems und anderer Körpersysteme, nicht in klar abgrenzbaren strukturellen Läsionen.

Typischerweise betreffen funktionelle Körperbeschwerden drei große Symptomgruppen:

Schmerzen unterschiedlichster Lokalisation (häufig Rücken, Kopf, Gelenk- und Muskelschmerzen)

Funktionsstörungen wie Schwindel, Atemnot, Herz-Kreislauf- oder Verdauungsbeschwerden

Erschöpfung und ausgeprägte Müdigkeit

Diese Beschwerden treten isoliert oder kombiniert auf und können einzelne Organsysteme betreffen oder in wechselnden Mustern mehrere Systeme zugleich einbeziehen. Entscheidend ist ihr Schweregrad: Krankheitswertig werden sie, wenn sie anhaltend sind, den Alltag deutlich beeinträchtigen und mit einem hohen Leidensdruck einhergehen.

Entgegen verbreiteter Annahmen sind funktionelle Körperbeschwerden keineswegs „leichte“ oder bloß subjektive Befindlichkeitsstörungen. Im Durchschnitt ist die gesundheitsbezogene Lebensqualität von Betroffenen mindestens ebenso stark eingeschränkt wie bei Patient:innen mit eindeutig organischen Erkrankungen – teilweise sogar stärker. Auch Arbeitsunfähigkeit, Frühberentung und ein erhöhtes Suizidrisiko sind in dieser Gruppe deutlich häufiger.

Der Kampf um Legitimität: „eingebildet oder ernstzunehmend?“

Ein zentrales Thema im Erleben vieler Betroffener ist die Frage der Legitimität ihres Krankseins. Solange keine organische Ursache gefunden wird, besteht die Angst, als „eingebildet krank“ wahrgenommen zu werden – von Ärzt:innen, vom sozialen Umfeld oder von sich selbst. Diese Sorge ist nicht unbegründet, denn psychosomatische Beschwerden werden gesellschaftlich noch immer oft mit Willensschwäche, Simulation oder mangelnder Belastbarkeit gleichgesetzt.

Besonders sichtbar wird dieser Konflikt an gesellschaftlich stark diskutierten Beispielen wie Long Covid oder dem chronischen Erschöpfungssyndrom. Hier zeigen sich regelrechte Kämpfe um Anerkennung, in denen biologische Erklärungen vehement eingefordert und psychosoziale Faktoren entschieden zurückgewiesen werden. Henningsen macht deutlich, dass dieser Konflikt weniger medizinisch als kulturell und moralisch geprägt ist: Organische Ursachen gelten als legitimierend, psychosoziale Zusammenhänge hingegen als potenziell entwertend.

Für die medizinische Versorgung ist diese Dynamik problematisch. Wo psychosoziale Ansätze prinzipiell abgewehrt werden, bleiben häufig wirksame Therapieoptionen ungenutzt – selbst dann, wenn ihre Wirksamkeit wissenschaftlich besser belegt ist als die vieler rein somatischer Verfahren.

Ein veränderter Krankheitsbegriff: Wenn Kranksein Krankheit ist

Ein Schlüssel zum besseren Verständnis funktioneller Körperbeschwerden liegt in einem erweiterten Krankheitsbegriff. Henningsen greift hier das Konzept der „schädlichen Dysfunktion“ auf: Krankheit liegt demnach dann vor, wenn eine natürliche Funktion des Organismus gestört ist und sich diese Störung als schädlich für die betroffene Person erweist – unabhängig davon, ob eine strukturelle Organschädigung nachweisbar ist.

Überträgt man dieses Verständnis auf Körperbeschwerden, lassen sich Schmerzen, Schwindel oder Erschöpfung als Signalfunktionen des Körpers verstehen, die auf akute Ungleichgewichte hinweisen sollen. Werden diese Signale chronisch, verselbstständigen sich und belasten die Lebensführung erheblich, handelt es sich um eine krankhafte Störung dieser Funktion – auch ohne nachweisbare Organpathologie.

Dieses Krankheitsverständnis erlaubt es, das Leiden der Betroffenen eindeutig als real und behandlungsbedürftig anzuerkennen, ohne sie auf eine rein psychische oder rein somatische Ursache festzulegen.

Das vorhersagende Gehirn: Ein integriertes Erklärungsmodell

Besonders fruchtbar wird dieses Verständnis durch neuere Modelle der Hirnfunktion, insbesondere das Konzept des vorhersagenden Gehirns. Dieses Modell geht davon aus, dass Wahrnehmung – einschließlich Körperwahrnehmung – nicht primär passiv aus Sinnesreizen entsteht, sondern aus einem fortlaufenden Abgleich zwischen Vorhersagen des Gehirns und eingehenden sensorischen Signalen.

Für funktionelle Körperbeschwerden bedeutet das: Wenn Vorhersagen übermäßig präzise sind (etwa die Erwartung, dass Bewegung zwangsläufig Schmerzen verursacht), während die tatsächlichen Körpersignale relativ unspezifisch bleiben, kann die Wahrnehmung dominierend von Erwartungen bestimmt werden. Die Beschwerden sind dann real empfunden, auch wenn keine akute strukturelle Schädigung vorliegt.

Dieses Modell integriert biologische, psychologische und soziale Faktoren auf überzeugende Weise:

  • Frühere körperliche Erfahrungen, Erkrankungen oder Verletzungen prägen Erwartungen.
  • Soziale Beziehungen und Unterstützung beeinflussen die Sicherheits- oder Bedrohungseinschätzung des Körpers.
  • Kulturelle Deutungsmuster formen, welche Symptome besonders beachtet und gefürchtet werden.

Funktionelle Körperbeschwerden erscheinen so nicht als Ausdruck „falscher Wahrnehmung“, sondern als Ergebnis nachvollziehbarer, wenn auch dysfunktionaler Regelprozesse im Organismus.

Konsequenzen für Diagnostik und therapeutische Haltung

Aus diesem Verständnis ergibt sich eine klare Konsequenz: Erfolgreiche Behandlung setzt weniger auf weitere somatische Ausschlussdiagnostik, sondern auf einen integrierten Umgang, der Patient:innen aktiv einbezieht. Therapien, die auf Aufklärung, Beziehungsgestaltung, behutsame Aktivierung und das Wiedererlangen von Selbstwirksamkeit setzen, zeigen insgesamt bessere Effekte als rein passiv verabreichte Maßnahmen.

Zugleich wird deutlich, wie zentral die ärztliche und therapeutische Kommunikation ist. Eine Haltung, die funktionelle Beschwerden als reale, erklärbare und ernstzunehmende Störung vermittelt, kann selbst bereits entlastend wirken – während wiederholte implizite Infragestellung das Leiden verstärkt.

Warum das Thema für Fachpersonen so relevant ist

Funktionelle Körperbeschwerden sind kein Spezialthema einzelner Disziplinen, sondern ein Querschnittsthema der Medizin, Psychotherapie und angrenzender Gesundheitsberufe. Sie fordern heraus, vertraute Denkmodelle zu erweitern und die strikte Trennung von Körper und Psyche zu hinterfragen.

Die „neue Psychosomatik“ bietet hierfür kein einfaches Rezept, sondern einen Orientierungsrahmen: für ein besseres Verständnis, einen respektvolleren Umgang und realistischere therapeutische Zielsetzungen. Wer mit Menschen arbeitet, die an anhaltenden Körperbeschwerden leiden, begegnet diesen Fragen täglich – oft implizit, manchmal offen konflikthaft.

Sich damit vertieft auseinanderzusetzen, bedeutet nicht, biologische Medizin infrage zu stellen, sondern sie um entscheidende Perspektiven zu ergänzen. Genau darin liegt die Relevanz dieses Ansatzes für die heutige Gesundheitsversorgung.

Vertiefendes Webinar: Fortbildungspunkte sichern

Zu den im Beitrag skizzierten Ansätzen und Fragestellungen bieten wir ein Live‑Webinar mit dem Autor des Buchs und Ansatzes, Prof. Dr. Peter Henningsen, an. Die Veranstaltung eignet sich zur Vertiefung der Thematik und bietet Gelegenheit, eigene Fragen aus der Praxis direkt an den Autor zu richten. Außerdem erhalten Sie dafür 2 Fortbildungspunkte.

Die neue Psychosomatik: Funktionelle Körperbeschwerden differenziert verstehen

Das Live-Webinar mit Prof. Dr. Peter Henningsen am 2.02.2026, 17:30-19:00 Uhr
Februar 2026

Buch-Empfehlung

Dieser Blogbeitrag basiert auf dem Buch „Die neue Psychosomatik der Körperbeschwerden – Schmerzen, Schwindel, Erschöpfung & Co. besser verstehen und behandeln“ von Prof. Dr. Peter Henningsen (Klett-Cotta, 2025).

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